REIGI KIRCHE

Auf Ihrem Rückweg können Sie eine Abkürzung nehmen, indem Sie, bevor die Straße wieder asphaltiert ist, nach rechts abbiegen und dem Wegweiser „Posti 4 km“ folgen. Diese Straße ist zwar nicht geteert, aber die Entfernung ist deutlich geringer. Bald erreichen Sie das Dorf Reigi. Nachdem Sie durch das Dorf Rootsi gefahren sind, werden Sie den Turm der Reigi Kirche, die sich im Dorf Pihla befindet, rechter Hand bemerken.

Photo: Toomas Kokovkin
Foto: Toomas Kokovkin / www.fotokogu.com

Der Name Reigi kommt aus dem Schwedischen und bedeutet soviel wie Rauch und Leuchtfeuer. Reigi war die größte schwedische Siedlung in Nord-Hiiumaa.

Nachdem die Schweden 1781 deportiert wurden, gründeten Esten ihre eigene Gemeinde in Reigi. Schwedische Familien, die in der Nähe der Kirche wohnten, wurden nicht deportiert und zunächst wurde die Gemeinde Rootsi küla (Schwedisches Dorf) genannt; erst später bekam sie den offiziellen Namen. Sogar noch vor dem Zweiten Weltkrieg unterhielten sich einige Menschen im Dorf in der alten schwedischen Sprache. O. R. L. von Ungern-Sternberg gründete eine kleine Meierei, die mit einem Herrenhaus verbunden war im Gebiet von Reigi. Auch eine Ziegelei arbeitete in der Nähe. Im 20. Jahrhundert nahm in Reigi eine Molkerei ihren Betrieb auf. Das Herrenhaus diente als Schulgebäude.

Reigi wurde 1627 zu einer eigenständigen Gemeinde, als sich die Gemeinde von Käina trennte. Die Schriftstellerin Aino Kallas beschrieb diese Zeit anschaulich in ihrem Buch Der Pastor von Reigi. Die Figuren aus diesem Buch gingen damals nicht in die Kirche, die wir heute sehen, sondern in eine ältere hölzerne Kirche im Dorf Reigi. Eine weitere Holzkirche mit einem architektonisch bemerkenswerten Mittelturm wurde in den 1690ern auf dem Pihla Hügel gebaut. Diese Kirche wurde Johannes dem Täufer gewidmet. Die Schweden stellten einen Großteil der Gemeinde, weshalb der Pfarrer auch Schwedisch sprechen musste.

Die Steinkirche, in der noch heute Gottesdienste abgehalten werden, wurde unter Baron Otto Reinhold Ludvig von Ungern-Sternberg (1744-1811) in Gedenken an seinen Sohn Otto Dietrich Gustav gebaut, der Selbstmord beging. Die Kirche wurde am 24. August 1802 eingeweiht.

Das Wappen über dem Haupteingang verweist ebenfalls auf die Ungern-Sternbergs. Das Familiengrab befindet sich gleich in der Nähe. Obwohl uns die Wappen an höhere Würdenträger erinnern, wird in der Kirche auch einfachen Arbeitern und Bauherren gedacht. Ihre Namen finden sich wieder an den Tafeln am Altar, direkt neben den Namen des Patrons und der Grundherren.

In Einklang mit modernen Traditionen wurde die Reigi Kirche als weitläufiges und lichtdurchflutetes Gotteshaus gebaut. Wenn Sie im Inneren der Kirche sind, so bekommen Sie den Eindruck, als stünden Sie unter einem großen auf den Kopf gestellten Boot. Die gesamte Architektur spiegelt das Thema der Zusammengehörigkeit wider. Der große Stolz der Reigi Kirche ist ihre Kunstsammlung. Fast alle Kunstwerke sind älter als die Kirche selbst und führen uns mit Hilfe biblischer Motive in europäische Kunstgeschichte ein. Es ist nicht bekannt, wie all diese Kunstwerke in die Kirche von Reigi gelangten, aber einige von ihnen könnten aus dem Inneren von auf Grund gelaufenen Schiffen stammen, während andere den Geschmack und das Vermögen früherer Grundbesitzer widerspiegeln dürften. Die Jahreszahl an der Wand, 1899, bezeugt die letzten größeren Umbauten, als die Farbgestaltung der Kirche verändert wurde und das neue Altargemälde hinzukam.

Die Kirche kann auch zurecht stolz sein auf ihre Orgel, die angeblich auf Hiiumaa selbst gebaut wurde. Volkssagen verbinden die Orgel mit den Gemeindepfarrern, den Sakkeusen aus Käina, doch gibt es dafür keine urkundlichen Beweise.

Die Geschichte der Reigi Kirche sollte ein eigenes Kapitel über Pfarrer enthalten, denn einige von ihnen spielten eine recht bedeutende Rolle in der Kulturgeschichte. Manche von ihnen sind mehr aufgrund ihres schlechten Rufes bekannt als wegen vorschriftsmäßiger Dienstverrichtung. So verurteilte z.B. der erste Pfarrer, P. A. Lempelius, seine unglückseelige Frau zum Tod durch Köpfen.

C. Forsmann war Pfarrer zu der Zeit, als die Schweden von der Insel deportiert wurden und auch während der Einweihung der Steinkirche. Er mietete einen Wanderprediger, während er selbst eine Hutfabrik gründete.

Pfarrer G. F. Rinne beherrschte die einheimische Sprache sehr gut und dichtete, inspiriert von den Worten Runebergs, eine Ode an Hiiumaa nach einem Lied von Pacius, das er in Finnland gehört hatte. Man nimmt sogar an, dass J. V. Jannsen (1819 – 1890), ein estnischer Schriftsteller und Intelektueller während der Zeit der Aufklärung, der weder Finnisch noch Schwedisch verstand, den Text von Rinnes Hiiumaa-Lied als Inspiration benutzte, während er die estnische Nationalhymne schrieb.

Auf der anderen Straßenseite befand sich einst das Pfarrhaus und die berühmte Pihla Taverne, die sogar in Gustav Ernesaks Oper Stormy Shore (Stürmische Küste) erwähnt wird. Das Pfarrhaus ist immer noch unbesetzt, aber voller Erhabenheit. Von der Pihla Taverne ist nichts mehr übrig geblieben und sogar der Hügel, auf dem sie stand, wurde inzwischen abgetragen.

Legenden und Geschichten

Die Kirche war auch ein Ort, an dem Menschen eine Weiterbildung, v.a. im Lesen und Singen, erhalten konnten. Eines Tages fand ein Bauer ein Buch, das er nicht verstand. Er konsultierte Grundherren und anderen Leute. Jeder fragte ihn: Was für eine Art Buch ist es denn? Enthält es Geschichten oder ist es leer, sind Abbildungen oder etwas Anderes in ihm? Der Bauer konnte diese Fragen nicht beantworten und schließlich sagte er, dass darin nur ein Bündel von Stroh zu finden sei, mit lauter kleinen Kreaturen, die darauf krabbelten... Es handelte sich um Notenblätter.